Perth to Sydney - Transcontinental- Cycling-Worldrecord
(Guiness book of records)
Autor: Dr. Helmuth Ocenasek
Tomio Uranyu, 1992, Japan
in 9 Tagen, 23 Stunden and 25 Minuten.
Hubert Schwarz, 1995, Deutschland
8 Tagen 12 Stunden und 49 Minuten.
Wolfgang Fasching , März 1999, Österreich
7 Tage 19 Stunden und 47 min (inoffizieller Rekord - nicht angemeldet)
Richard Vollebregt, Oktober 2006, Australien
8 Tagen, 10 Stunden 58 Minuten
Guido Kunze, 19. November 2007, Deutschland
DNF nach 2.000 km, 4 Tagen, 5 Stunden 39 Minuten
Gerhard Gulewicz, gestartet am 29. November 2007
7 Tage 8 Stunden 49 Minuten bekannt.
Projekt - Adventure begann im November!
Es war geplant in neuer Weltrekordzeit von Perth, der Millionenmetropole im Westen Australiens, der einzigen Strasse des Südens folgend quer durch den australischen Kontinent bis an die Ostküste nach Sydney zu fahren.
Ein Koala führt ein entspanntes Leben!
Der Koala ist das Wappentier Australiens. Zwanzig bis zweiundzwanzig Stunden am Tag schläft er. Einmal am Tag kaut er Unmengen an Eukalyptusblättern, allerdings nicht jede beliebige Sorte. Wenn es seinen bevorzugten „blend of favour“ nicht gibt dann gibt’s Diät, denn die Koalas sind sehr wählerisch, unter den über 800 verschiedenen Eucalyptussorten sucht er sich nur ein paar Sorten aus von denen er sich dann lebenslang ernährt und selten umsteigt. Es heißt weiter, er habe seinen Namen vom Aboriginal-Ausdruck „Nichts-Trinken“, da er 90% seine Flüssigkeitszufuhr aus den
Blättern zieht.
Somit tut dieser Australische Koala so ziemlich in allen Punkten genau
das Gegenteil von Gerhard Gulewicz.
Gerhard wird nicht 22 Stunden schlafen, sondern er wird 22 Stunden pro Tag wach sein (oder eigentlich noch mehr). Er wird nicht Nichts-Trinken sondern ganz im Gegenteil zwischen 14 und 23 Liter pro Tag. In einem sind sie sich allerdings ähnlich. Auch Gerhard vertilgt Unmengen. Allerdings nicht Eukalyptus-Blätter sondern eher hochkalorienhältige Flüssignahrung.
Das ganze Team erwartete mit Spannung den Starttermin am 29.11. um 16.00 .
Der Termin war so geplant damit unser geplante Ankunft nach 7 Tagen und 12 Stunden auf den Vormittag des Freitag fällt, Zeitverschiebung zwischen West- und Südaustralien eingerechnet.
Unser Betreuerteam bestand aus acht Personen. Für die Medizin zuständig war neben mir mein sportmedizinischer Kollege Rainer Hochgatterer.
Die persönliche mentale Stütze privat sowie im Rennen war Gerhards Freundin Ingrid Nutz. Sie hatte auch gemeinsam mit mir die Rolle des Teamchefs inne. Der Physiotherapeut Gernot Mayr hat Gerhard auch schon zweimal beim RAAM betreut.
Der Mann mit den sensationellen Fahrradmechaniker-Händen Karl-Heinz „Snake“ Neumeister ist auf meine Vermittlung
ins Team gekommen. Ich kenne ihn schon seit nunmehr fast 10 Jahren. Er war auch mit mir beim Australien-Weltrekord von Wolfgang Fasching 1999 dabei.
Die Backstage-Versorgung fest im Griff hatten Sabine Muster und Gerhards Freund und Marketig-Mann Michael Jaksch.
Last but not least gab uns Univ. Prof. Rochus Pokan die Ehre uns als offizieller unparteiischer Beobachter zu begleiten und zu überwachen dass alles mit rechten Dingen zugeht.
Die Dopingkontrolle vor dem Start und im Ziel wurde auch von ihm in die Wege geleitet und an die lokalen Organisationen übertragen.
Vorweg genommen - alle Test waren negativ!
Die von mir zusätzlich durchgeführten Blutuntersuchungen zeigen Werte, die man als Gegenteil von Doping bezeichnen kann. Nur zum Beispiel der Hämatokrit war 42,8 ! nicht so wie bei den „Tourfahrern“ komischerweise immer um die 50.
Das Leistungssteigernde Testosteron und DHEAS, messen wir mit 0,0 ! Dies ist
eigentlich sogar untypisch niedrig da dies der Körper ja auch selbst produziert.
Natürlich wurden wir vom ORF-OÖ begleitet.Der Redakteur war Hölzl Thomas mit seinem Kameramann Alex Limberger. Als professioneller Pressefotograf war Martin „Muffin“ Steiger (von uns nach einem Freud’schen Versprecher von Sabine nach seiner Lieblingsspeise benannt).
Nach langer Anreisezeit es ging am Sonntag um 7.00 in Oberösterreich los, sind wir am Montag um 0.00 (= MEZ +8 Stunden) in Perth, nach insgesamt 41 Stunden, angekommen. Die folgenden Tage Dienstag und Mittwoch waren, nötig um die Vorbereitungen für sieben Tage „Leben - im – Auto“ zu treffen. Sich nochmals auszuschlafen war auch angesagt.
Baden am Dachpool des Hotels und im Indischen Ozean im November, ging sich aber trotzdem auch noch aus.
Am Donnerstag um 16.00 erfolgte der Start vor dem Idiana Teahouse am City-Beach.
Die detailierten Tagesberichte kann man im Online-Tagebuch nachlesen.
Rückschauend lässt sich zusammenfassen:
Die erste Hälfte des Rennens verlief sensationell in jeder Beziehung, wir hatten
Wetterglück, obwohl Gegenwind bis zu 60 km/h angekündigt war, war es windstill oder wir hatten sogar manchmal Rückenwind. In diesem Fall wurde die Zeitmaschine ausgepackt und es ging stundenlang mit knapp unter 40 km/h dahin. Wenn ein Roadtrain überholte, wurde Gerhard manchmal übermütig, warf sich in dessen Sog und trat an bis zu einer Geschwindigkeit von 78 km/h. Unnötig zu sagen, dass dies aber nicht nur beim Start der Fall war, sondern auch als er schon mehrere Hundert Kilometer in den Beinen hatte.
Es war wahrlich eine Freude, da beim Radfahren zuzusehen und dabei zu sein, da hätte man sich gerne auch aufs Rad gesetzt und versucht Gerhard zu begleiten. Laut Guinness-Reglement ist dies zwar erlaubt aber bei uns war es aus zwei Gründen nicht möglich. Erstens hätte von uns keiner das Tempo von Gerhard lange mithalten können denn was bei ihm so mühelos aussieht entspricht einer Ergometerausdauerleistung von ca. 380 Watt (dort liegt in etwa seine anerobe Schwelle) und so fährt er auch stundenlang dahin. (Meine Maximalleistung für ein bis drei MINUTEN liegt weit weit darunter……..).
Dass das somit keiner von uns schaffen würde ihn lange zu begleiten war der eine Grund, der zweite liegt im Reglement der UMCA. Dies ist das gleiche Reglement, welches auch beim Race Across America Anwendung findet und wir haben beschlossen nach diesen strengen Richtlinien auch in Australien zu fahren.
Der letzte Rekordhalter Richard Volebreght, der australische Präsident eines Radclubs in New-South-Wales wurde vom Start bis ins Ziel von einer Menge von Freunden begleitet, die sich immer abwechselten.
Den Halbzeitpunkt erreichten wir nach 3 Tagen und 2 Stunden!
Das heißt mehr als 2000 Kilometer in 74 Stunden, geschlafen für 1 Stunde 15 Minuten nach 52 Stunden. Dazwischen zweimal gerastet (ohne Schlaf) für 30 Minuten.
Die nächste (zweite) Schlafpause erfolgte erst sechs Stunden hinter dem Halbzeitpunkt.
Solche Nonstopfahrten mit sowenig Schlaf über diese Distanzen hat bis jetzt noch keiner weltweit gemacht !!!!!! ( Zumindest mir ist keiner bekannt, wenn ich mich irre möge er sich bei mir melden)
Die zweite Hälfte!
Diese verlief dann ganz anders. Der Wind drehte. Ab da gab es nur noch Gegenwind, manchmal kam er auch von der Seite. Wir fuhren jetzt in den Süden! Das führte bei Gerhard zu einer großen Verunsicherung, immer wieder die Frage: „Sind wir auch wirklich in die richtige Richtung unterwegs ich will nach Osten!“, Aber so viele Strassen gibt’s halt nicht in Australien.
Um genau zu sein eigentlich gibt’s nur eine von West nach Ost. Und ab Port Augusta gibt’s dann eine Route die über den Norden nach Sydney führt und eine über den Süden. Der Kilometer-Unterschied zwischen den beiden Routen ist 34 Kilometer +/-. Wir haben uns für die Südroute entschieden, da dies die Strecke war, die auch der letzte Rekordhalter Vollebreght gewählt hatte. Dass dies einige Problem verursachen sollte, haben wir zu dem Zeitpunkt nicht gewusst.
Im Inferno der Roadtrains! – Auf dem Highway!
Wenn sich jemand mit psychischen Foltermethoden beschäftigt hat, von denen man ja leider noch immer hört, dann kennt er die Kombination: Schlafentzug plus Dunkelheit und Setzen von lauten akkustischen Reizen (Sirenengeheul, Lärmbelastung, etc..).
Das war das Szenario das sich für die letzten 500 Kilometer vor Sydney abspielte. Die einzige existierende und befahrbare Straße ist dort der Highway. Vergleichbar mit unseren Autobahnen zweispurig mit Pannenstreifen ist es in Australien erlaubt als Radfahrer diesen zu benützen. Privatverkehr gibt es fast keinen, dafür brausten umso mehr bis zu 50 Meter lange Roadtrains (diese haben zwei bis drei Container-Anhänger) an uns vorbei. Die Fahrer sind oft übermüdet, da sie stundenlang ohne der bei uns üblichen Schlafpausen dahinfahren. Sie sind die unumstrittenen Könige der Straße,
nicht gewöhnt zu bremsen, rasen sie mit um die 120 Km/h dahin.
Dass wir als wandelndes Verkehrshindernis nicht einfach „weggeräumt“ wurden, ist letztendlich doch der disziplinierten Fahrweise der Trucker zu verdanken. Zu einem großen Teil haben sie sich auch gegenseitig über CB-Funk vor dem „wahnsinnigen Radfahrer“ gewarnt.
Wenn man als Radfahrer auf den langen Geraden der Autobahn in der Nacht unterwegs ist verliert man leicht die Orientierung bezüglich Geschwindigkeit und Streckenprofil. Kommt man voran oder nicht? Geht es leicht bergauf oder bergab? Dies konnten sogar wir vom Inneren des Autos aus optisch teilweise nicht entscheiden, nur der Höhenmesser sagte uns wie das Höhenprofil ist.
In dieser Orientierungslosigkeit wird man von dem Geheul der Trucks verfolgt,
dahingetrieben, eingeholt, -überholt.
Diese ununterbrochene Lärmkulisse, das an- und abschwellende Heulen, ähnlich sich nähernden Sirenen, war für uns im Begleitfahrzeug erschreckend. Wie muß dies erst am Rad erlebt werden?
Der Unfall!
Aber wer glaubt es kann nicht mehr schlimmer kommen der irrt. Ungefähr 320 Kilometer vor dem Ziel kam Gerhard zu Sturz. Der grobkörnige Asphalt, der in Australien verwendet wird, führte zu schweren Rissquetschwunden im Gesicht. Und wenn man bei einer Bergabfahrt mit ca. 50 km/h „über den Lenker absteigt“, wundert es auch nicht dass der Mittelhandknochen der rechten Hand dies nicht aushält. „Fract. capitis metacarps. dig. ind dext.“ heißt das in der Medizin.
Die Gesichtsverletzungen wurden in einer eineinhalbstündiger Kurznarkose im Hospital in Yass genäht. Die abgebrochenen vier Frontzähne braucht man eh nicht zum Radfahren und gegen den gebrochenen Mittelhandknochen konnten wir nichts tun. (Gipsen geht nicht, denn dann kann man den Lenker nicht mehr halten und die Schaltung nicht mehr bedienen).
Nach der Kurznarkose wollten wir Gerhard noch ein paar Stunden nachschlafen lassen.
Aber scheinbar hat seine innere Uhr in auch da wieder nach 1 Stunde und 15 Minuten geweckt.
Gerhard will weiterfahren!
Nach langem hin- und her- überlegen, habe ich beschlossen dies medizinisch vertreten zu können. „Schwere“ lebensgefährliche Verletzungen, Störungen des Herz-Kreislaufsystems konnte ich ausschließen. Es lagen ja „nur“ Prellungen (Brustkorb,Becken), Brüche (Hand und Kieferknochen) Rissquetschwunden (Gesicht) vor. Er hatte mit Schmerzen zu kämpfen aber im medizinischen Sinn gibt’s keine vitale Bedrohung.
Die Schmerzmedikation mit einer Tablette Voltaren und und einer Tablette Parkemed musste reichen. (Alles andere steht auf der Dopingliste! - und wird deshalb von uns nicht verwendet)
Also ging die Fahrt weiter!
Im Ziel!
Wie Gerhard mit diesen Verletzungen mit diesen Schmerzen ins Ziel fahren konnte, ist mir bis heute nicht erklärlich, ist für mich eigentlich gar nicht vorstellbar.
Natürlich wissen wir, dass beschrieben wird, dass der Körper in solchen
Grenzsituationen fähig ist Endorphine auszuschütten. Diese schmerzstillenden
körpereigenen Substanzen werden wohl die Erklärung dafür liefern müssen. Aber wie man sich in Grenzsituation soweit motivieren kann, diese inneren Quellen erschließen kann, das müssen wir Gerhard fragen - wie das geht.
Tatsache ist wir sind in Sydney angekommen. Gerhard ist etwas mehr als 10 Stunden ca. 320 Kilometer (also gar nicht so langsam) weitergefahren.
Der österreichische Generalkonsul empfing uns mit Sekt und Rot-Weiß-Roter Fahne um 2.00 morgens am Circular Quay an der Hafenmole vor der Oper von Sydney.
Die Nacht verbrachten wir dann am Parkplatz eines Tennisplatzes inmitten von Sydney. Unser Hotel war erst am Freitag nachmittag beziehbar, denn so war es ja gebucht. Wir haben ja nicht damit gerechnet so schnell zu sein.
So wirklich gefeiert hat am nächsten Tag auch keiner. Da steckte uns allen der Schreck und die Anstrengung zu sehr in den Knochen. Wie lange wir brauchten um zu realisieren, dass der alte Weltrekord von Vollebreght um 26 Stunden verbessert- ja „pulverisiert“ wurde, und dass auch der „inoffizielle“ Rekord von Wolfgang Faschingaus 1999 um 11 Stunden unterboten wurde (und das alles trotz einer mehr als fünfstündigen Unterbrechung im Krankenhaus, trotz dieses Verletzungen) das ist eine weitere Geschichte.
Aber diese Geschichten erzähle ich ein anderes Mal!
In Erinnerung an unser ADVENT-ure in Down Under - und noch mal recht herzlichen
Dank allen Teammitgliedern die Gerhard bei seinem Weltrekord (nicht mehr das Wort „Weltrekordversuch“) unterstützten Schicke ich nochmal an alle Fans und Leser die Daumen gehalten haben.
Die besten Grüße
Helmuth Ocenasek