Fasching will reden oder was sonst noch bei einem Extremsportereigniss passiert...
Colorado, 22 Uhr, die Frisur sitzt, WF auch, und zwar im Sattel. Wolfgang ist ein letztes Mal aufgebrochen, um sich am Atlantik als anderer wieder zu finden. Sein Sitzfleisch hat sich bereits schmerzhaft verändert und dieses Thema bestimmt nun nach den jüngsten Ergebnissen der heimischen Sportszene unsere Nachtgespräche. Im Hintergrund tönt Bruce Springsteen. Kurz gehen wir die Therapieoptionen durch. WF denkt nach vorne, will Alternativen wissen, will alles wissen. Ich sage ihm was ich weiß. Dann sprechen wir über Psychologie, Musik und Abzweigungen. Es sollte ca. 20 h dauern bis ich ihn davon überzeugen konnte, das ihn (uns) dieses Problem nicht von einer erfolgreichen Durchquerung abhalten würde.
Beim RAAM passiert Medizin im Stundentakt. Es gibt keine Kontrollen am nächsten Tag, es gibt kein Abwarten. Beim RAAM ist immer heute. Es passiert mobile präventive Intensivmedizin im Spagat zwischen Pacecar und Rennrad. Wer mit Menschen arbeitet, die derart an ihre Reserven gehen, behandelt Gesundheitsstörungen mit einer Art Mutterinstinkt (es kommt nach einer Gewissen Zeit zur Symbiose zwischen Sportler und Arzt) noch bevor sie manifest werden. Nur so kann es gelingen den wohl erfolgreichsten Extremrad-Beinaherentner, dessen Probleme auf dieser Radreise zusammen wohl 3 Wochen Krankenhausaufenthalt gerechtfertigt hätten, sicher an die Ostküste Amerikas zu begleiten.
Ohio, 3 Uhr morgens. Sowohl medizinisch als auch sportlich wird aus der breiten Straße ein schmaler Weg auf einem Grat. Weicht man von der Mittellinie ab, so werden gegen Ende des Rennens die Konsequenzen immer drastischer, wenn nicht gefährlich. WFs Sichtfeld ist zu diesem Zeitpunkt schon stark eingeschränkt. Durch eine Nackenerkrankung fährt er bereits 48 h mit einer speziell angefertigten Halskrause, die seinen Blick konsequent nach unten bindet. Übermüdet fährt er so in stockdunkler Nacht durchs Hügelland der Appalachen. Er selbst sieht nur die Straße, rechts-links geben wir durchs Mikrophon durch. Nun ist aus dem breiten Bergrücken ein schmaler Grat geworden, wenn nicht manchmal eher ein Drahtseil. Seine Wahrnehmung beschränkt sich auch am achten Tag nicht nur aufs Rennen, als er in einer Nacht 4 Gesprächspartner und 2 Packungen Minzbonbons verbraucht. In diesen speziellen Situationen obliegt es dem Arzt zu bestimmen, wann und wie lange der Fahrer pausieren muss. Der Arzt in mir denkt in diesen Momenten an 3 Wochen Kur, der Sportler erinnert sich daran, dass wir hier ein Rennen fahren.
Tut sich doch beim Betrachter die Frage auf: „Kann denn das gesund sein?“
Auf ein simples Ja oder Nein lässt sich die Antwort auf diese Frage sicher nicht reduzieren. Bekommen doch die Anstrengungen eines WF beim Betrachten einen wahrhaft philosophischen Charakter. Wer die Vorratskammern seines Körpers fast bis aufs Letzte entleert, wird Dinge über sich selbst erfahren, von denen wir „Kurzzeitleister“ nur träumen können. Man bleibt der gleiche, ist aber nicht mehr der selbe.
Das RAAM in Zahlen:
Kleine Rechenaufgabe
Wenn Sie mit einer Schrittlänge von einem Meter 9 Tage lang11 km pro Tag gehen, werden Sie ? (99 000) Schritte zurückgelegt haben. Um ihr Kniegelenk so oft zu bewegen, wie WF es in einem RAAM bewältigt multiplizieren Sie das Ganze mit 10 und stellen sich vor, Sie würden diese y (110)km/Tag oder diese z (Million) Schritte über Stufen laufen. Wer dies schafft, spielt in der Liga von WF, wer nicht, kann jedenfalls gut rechnen.
3000 Meilen , 5000 Kilometer, 8 Tage, 23 Stunden, 30 Minuten, 7 ½ Stunden Schlaf, 207 Stunden im Sattel, zwei Beine, 60 Muskeln, 1 Million Pedalumdrehungen, zwei Lungenflügeln, ein Herz, 1676700 Herzaktionen (ja genau ca.einskommasieben Millionen Schläge oder 1,7 Mal mehr als das Herz des betreuenden Arztes in der selben Zeit geschlagen hat), dafür spart WF beim Ruhepuls.
Ich habe in den täglich ca. 17 h im Pacecar sitzend um die 2200 kcal/Tag verbraucht, WF vorsichtig geschätzt 15 000 kcal/Tag. Das ist ja eigentlich nur 7 Mal soviel werden sich die Rechenkünstler nun sagen. Wer sieben Mal weniger leistet als WF während des RAAM muss eigentlich ganz gut drauf sein. Ist Autofahren etwa sogar ein (Motor-)Sport? Habe ich da vielleicht sogar etwas gesundes getan? Nein, natürlich nicht. Bei mir ergeben sich alleine 1900 kcal/Tag nur durch den Grundumsatz, also das Nichtstun und nur 300 kcal/Tag durch körperliche Aktivität. Wolfgang hingegen hat einen ähnlichen Grundumsatz und leistete am Rad ca. 13 000 kcal/Tag. Das heißt der Radfahrer erbringt ca. die 43fache motorische Leistung des Betreuers. Was WF in diesen 9 Tagen radelt, dafür würde ich ca. 14 Monate Betreuen müssen.